| 20 Irrtümer
übers Lernen "FOCUS"-Artikel vom 14.01.2009 |
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Sind
Jungs besser in Mathe, machen Musik und Sport klug, Wer gute Noten will, muss sich auf den Hosenboden setzen und lernen!!!
In
Zeiten zunehmender Globalisierung und knapper werdender
Arbeitsplätze räumen Eltern der Bildung ihrer Kinder einen viel
höheren Stellenwert ein als früher.
Wir
haben Hirnforschern gelauscht, die uns einflüsterten, schon unsere
Kleinsten Englisch lernen zu lassen (Synapsenpflege!). Wir bringen
unseren Kindern Heftchen mit Denkübungen mit und fahren sie zum
Sport, weil auch das an-geblich ihren IQ auf Trab bringt. Doch
stimmt das eigentlich auch alles, was wir Eltern zu wissen meinen? Irrtum 1: Latein fördert das logische Denken
Wer
Latein lernt, ist es gewohnt, mit langen, komplizierten Sätzen
umzugehen. Folgende Resultate dürften Lateinfans freuen: Gymnasiasten, die vier Jahre Latein gelernt haben, konnten komplexere deutsche Sätze bilden als solche ohne Lateinstunden. Die Lateinschüler waren zudem besser darin, Fehler in deutschen Sätzen zu finden. Sie sind also wirklich dafür sensibilisiert, sich Wörter ganz genau anzusehen. Irrtum 2: Sport trainiert auch das Gehirn
Sportler sind nicht besonders hell im Kopf, lautete früher ein
gängiges Vorurteil.
Häufig
fürchten Eltern, dass die auf dem Sportplatz oder in der Turnhalle
verbrachte Freizeit zu Lasten des Lernpensums gehe und sich negativ
auf die Noten auswirke. Irrtum 3: Hochbegabte sind in der Schule Überflieger Ständige Unterforderung ist für viele hochbegabte Kinder ebenso frustrierend wie dauernde Überforderung für Leistungsschwache. Nicht selten haben hochbegabte Kinder in der Schule sogar miserable Noten. Sie langweilen sich und verweigern Routineaufgaben. Lehrer halten extrem intelligente Schüler manchmal für desinteressiert oder renitent. Hochbegabten Schülern ist oft geholfen, wenn sie eine oder mehrere Klassen überspringen dürfen. Sie brauchen Aufgaben, die ihren Möglichkeiten und Interessen entsprechen. Irrtum 4: Gehirnjogging fördert die Intelligenz Denksportaufgaben, das Merken von Gegenständen oder Wörtern etwa, sollen Konzentration und Gedächtnis trainieren. Schlauer wird man durch Denktraining leider nicht.
Das
Gehirn, so Lernforscherin Elsbeth Stern, ist wie ein Haus mit
unzähligen Fenstern. Wenn man eines putzt, sind die anderen immer
noch schmutzig. Analog dazu trainiert man beim sogenannten
Gehirnjogging immer nur die eine konkrete Aufgabe. Irrtum 5: Am effektivsten lernt man unter Druck
Viele
Schüler fangen mit dem Lernen für eine Klausur erst kurz vor dem
anberaumten Termin an und behaupten, sie könnten unter Druck am
besten arbeiten.
Am
besten lernen oder begreifen Kinder, wenn sie entspannt sind. Eltern
sollten keinen Druck (schimpfen, strafen) ausüben, denn das führt zu
Stress und Frustrationen, Irrtum 6: In kleinen Klassen wird mehr gelernt Lehrer und Eltern mag es empören, aber zahlreiche Studien belegen, dass die Klassengröße für den Lernerfolg keine Rolle spielt.
Lehrer
empfinden das Unterrichten in größeren Klassen zwar als anstrengend,
Irrtum 7: Musizieren macht klug
Kühe
lieben Mozart. Woher man das weiß? Angeblich geben sie mehr Milch,
wenn man sie im Stall mit der „Kleinen Nachtmusik“ beschallt. Vom
sogenannten Mozart-Effekt,
Für
unmusikalische Kinder, die in der Hoffnung auf ein paar zusätzliche
IQ-Punkte durch die halbe Stadt kutschiert werden, dürfte das eine
ziemlich gute Nachricht sein. Irrtum 8: Wer schläft, lernt nicht Das Gehirn hat niemals frei. Selbst im Schlaf sind Nervenzellen aktiv, um neue Informationen und Eindrücke zu verarbeiten. Dabei versucht das Gehirn permanent, Regeln zu finden, die uns helfen, die Datenflut zu strukturieren. Gelerntes wird während des Schlafens verarbeitet und gespeichert. Ein kleines Nickerchen am Nachmittag und vor allem ausreichender Tiefschlaf in der Nacht sind gerade in strammen Lernphasen besonders wichtig. Hirnforscher raten Kindern überdies davon ab, vor dem Schlafen einen spannenden Film zu sehen oder ein aufregendes Computerspiel anzufangen. Es besteht die Gefahr, dass frisch erworbenes Wissen nicht ins Langzeitgedächtnis gelangt, sondern von starken emotionalen Reizen überlagert wird. Irrtum 9: Der Intelligenz-Quotient bestimmt die Note
Intelligente Kinder lernen leichter und haben häufig gute Noten.
Stimmt. Ausschlaggebend für den Erfolg in der Schule ist der
Intelligenz-Quotient (IQ) aber nicht. Motivation, Fleiß, Disziplin,
Ehrgeiz und gute Lerngelegenheiten sind mindestens ebenso wichtige
Faktoren. Intelligente Kinder, die nicht lernen, werden von weniger
intelligenten Kindern überholt, die lernen und sich Wissen aneignen.
Beim Schach sind intelligente Anfänger weniger intelligenten, dafür bereits länger spielenden Gegnern unterlegen. Fleiß, Engagement und Wissen sind gleichwohl Grenzen gesetzt: Ein Kind mit einem durchschnittlichen IQ wird in theoretischer Physik kaum glänzen. Irrtum 10: Kinder kann man nicht früh genug fördern
Hirnforscher referieren gern über Synapsenvernetzung, absterbende
Hirnzellen und Zeitfenster, die es bei Kindern unbedingt zu nutzen
gelte. Aus Asien weiß man, Damit sie gedeihen, sind emotionale Sicherheit nötig (durch die liebevolle Zuwendung der Eltern) sowie ausreichend Gelegenheit zum Spiel. Kinder sind von Geburt an neugierig und lernfreudig. Sie brauchen viel Zeit, um Dinge ausprobieren zu können. Noch so ausgeklügeltes Lernmaterial und pädagogisch wertvolles Spielzeug können echte, mit allen Sinnen gemachte Erfahrungen kaum ersetzen. Den Trend, bereits Vorschulkinder von einem Kurs zum nächsten zu fahren, bezeichnet Neurobiologe Hüther als „Frühförder-Hysterie“. Lernforscherin Stern rät Eltern, sich nicht verrückt machen zu lassen: „Mütter und Väter, die mit ihren Kindergarten-Kindern reden, ihnen vorlesen und ihre Fragen beantworten, tun genug.“ Irrtum 11: Kinder muss man dauernd loben Leistungen ihrer Kinder sollten Eltern loben, aber angemessen. Vor übertriebenen und generellen Formulierungen wie „Kleines Mathe-Genie“ oder „Selbst Picasso hätte es nicht besser gemacht“ warnen Psychologen. Für jede Kleinigkeit gelobte Kinder bekommen ein falsches Selbstbild und verlieren womöglich die Motivation, sich anzustrengen. Statt Intelligenz („Du bist echt schlau“) und Talent („Du bist so begabt“) zu loben, ist es besser, die Ausdauer oder Anstrengung eines Kindes zu würdigen. Experten raten zudem, nicht immer das gleiche Lob auszusprechen („Super-Bild“), sondern eher Details hervorzuheben: „Hier hast du besonders genau gezeichnet“ oder „Toll, dass du bis zum Schluss durchgehalten hast“. Irrtum 12: Wiederholtes Lesen führt zum Lernen Schüler meinen oft, sie müssten anspruchsvolle Texte nur oft genug lesen, um sie auswendig zu lernen oder den Inhalt zu verstehen. „Falsch“, sagt der Kölner Psychologieprofessor und Lernexperte Martin Schuster.
Wer
liest, hat noch lange nicht gelernt. Viel effektiver ist es, anderen
den Inhalt eines Textes in eigenen Worten zu erklären. Wer etwas
auswendig lernen will, muss den Text aus dem Gedächtnis memorieren
oder sich abfragen lassen. Skeptischen Schülern sei die Geschichte
eines Predigers aus den USA ein abschreckendes Beispiel: Dieser
hatte ein Gebet an Sonntagen bereits 3000-mal vorgelesen, als er
sein Andachtsbüchlein vergaß. Das Gebet werde er wohl auswendig
vortragen können, dachte der Geistliche – Irrtum 13: Nur Übung macht den Meister
Intelligenz und Begabungsunterschiede haben genetische Ursachen. Um
ein bestimmtes Lernziel zu erreichen, müssen sich Schüler also mal
mehr, mal weniger anstrengen. Ohne eine gewisse Portion Eifer
allerdings wird es selbst den Schlauesten nicht gelingen, wirklich
gut in einem Bereich zu werden. Schüler, die freiwillig und gern viel Zeit in ein Unterrichtsfach investieren, sind neugierig und vom Stoff fasziniert. Was ein Schüler aus seinem vorgegebenen intellektuellen Potenzial macht, hängt laut Lernforscherin Elsbeth Stern dementsprechend ganz entscheidend von drei Faktoren ab: persönlicher Einsatz, Hingabe und Motivation. Irrtum 14: Aus Fehlern und Kritik lernt man am besten
Fehler
geben eine wichtige Rückmeldung, wie man etwas nicht macht. Kritik
aber kann die Lernbereitschaft vernichten. In der Schule allerdings
profitiert die Klasse auf Kosten eines einzelnen kritisierten
Schülers. „Die Klasse lernt, indem sie einen Fehler kränkungsfrei
zur Kenntnis nimmt“, sagt Lernbuch-Autor Martin Schuster Am besten lernt man durch Erfolgserlebnisse und Anerkennung. Nichts ist motivierender. Wer dagegen ständig Fehler macht, weil er z. B. überfordert ist, gibt irgendwann auf. Irrtum 15: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr Heutige Senioren beweisen das Gegenteil. Sie schreiben sich an der Uni ein und machen ihren Master in Naturwissenschaften, lernen eine Fremdsprache oder nutzen den Computer. Hans lernt nicht mal unbedingt langsamer als Hänschen. In vielen Bereichen (z. B. dem mathematisch-naturwissenschaftlichen) lernen Kinder sogar mühsamer als Erwachsene, weil sie weniger Vorwissen mitbringen. Erwachsene sind Kindern immer dann unterlegen, wenn sie ein bestimmtes Verhalten automatisiert haben und umlernen müssen. So tun sich Erwachsene, die es gewohnt sind, Menschen per Handschlag zu begrüßen, schwerer, wenn sie sich z. B. in Asien vor ihrem Gegenüber verbeugen sollen. Irrtum 16: Morgens sind Kinder besonders fit Morgenstund hat Gold im Mund“, und schließlich „fängt auch der frühe Vogel den Wurm“. Doch lassen sich die Kalenderweisheiten auch aufs Lernen übertragen? Am frühen Morgen sind die meisten Kinder wenig leistungsfähig. Das haben neue Forschungen ergeben. Danach sind Kinder am späten Vormittag und nachmittags geistig wesentlich fitter als vor der ersten großen Pause. Gerade Jugendliche kommen morgens nur sehr schwer in Schwung. Wissenschaftler plädieren deshalb für einen späteren Schulstart. Wenn es sich einrichten ließe, sollten Lehrer zumindest wichtige Klausuren nicht schon morgens um acht Uhr ansetzen. Irrtum 17: Das kindliche Gehirn ist aufnahmefähig wie ein Schwamm
Immer
wieder gern wird das kindliche Gehirn mit einem Schwamm verglichen,
Ein Kind saugt immer nur das Wissen auf, das für seine Entwicklung gerade wichtig ist. Auch das kindliche Gehirn hat einen begrenzten Arbeitsspeicher. Kinder lernen nur dann optimal, wenn sie Aufgaben ihrem Alter und ihren Fähigkeiten entsprechend lösen können. Kinder zu Dingen zu zwingen, die sie noch überfordern, gehört laut Lernforscherin Elsbeth Stern zu den größten Fehlern, die Eltern machen können. Irrtum 18: Chaos macht kreativ
Kreative
Menschen sind Querdenker, die eigene, originelle Lösungen finden.
P.S.: Eltern, deren Kinder nichts lieber tun als stempeln, lochen, heften, scannen, speichern und aufräumen, bleibt ein Trost: In den Büros von erfolgreichen Firmenchefs sieht es auch immer tipptopp aus. Irrtum 19: Am besten lernt man immer am selben Ort Um es gar nicht erst zu Missverständnissen kommen zu lassen: Schüler brauchen einen festen Platz, einen Schreibtisch, an dem bestenfalls nur sie lernen und ihre Hausaufgaben machen. Das dient der Organisation häuslichen Lernens und fördert den Gewöhnungsprozess („Ich setze mich an den Schreibtisch, ich fange an zu lernen“). Gleichwohl kann es hilfreich sein, den üblichen Ort des Lernens einmal zu verlassen. Neue Lernorte optimieren das Erinnerungsvermögen. Psychologieprofessor Martin Schuster rät seinen Studenten – etwa vor Examina – auch mal im Park oder Schwimmbad zu büffeln. Der Trick dabei: Das Gelernte lässt sich leichter abrufen, indem man sich an den Lernort (den Tag, die Umstände, die Gerüche, das Gesehene und Erlebte) erinnert. Wissenschaftler sprechen von vielfältigen „Assoziationen“, mit denen der Lernstoff verbunden ist. Irrtum 20: Jungs können Mathe einfach besser
Tatsache
ist: Im Vergleich zu einem Mädchen ist die Wahrscheinlichkeit, dass
ein Junge bei einer Mathe-Aufgabe gut abschneidet, größer. Generell
sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern allerdings gering.
Für die minimalen Ungleichheiten gibt es verschiedene Erklärungen.
Die populärste: Selffulfilling Prophecy (sich selbst erfüllende
Prophezeiung). Jungs sind überzeugt, dass sie Mathe können, und mit
diesem Selbstbewusstsein gehen sie das Rechnen an. Lehrer stehen
zudem im Verdacht, männliche Schüler im Mathematik-Unterricht
unbewusst zu bevorzugen. Jungs haben also nicht mehr Talent für
Mathe, sondern profitieren von einem hartnäckigen Vorurteil.
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