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I N D E R U N T E R D R U C K

Fördern
statt überfordern
Hohe Anforderungen in
der Schule, Freizeitstress und Konflikte in der Familie bringen Kinder
an die Grenze ihrer Aufnahme- und Leistungsfähigkeit. Die Folgen:
Kopfschmerzen, Depressionen und Appetitlosigkeit.
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Woran
erkennen Eltern, dass der Druck auf den Nachwuchs zu groß wird?
Wie können Kinder spielerisch gefördert werden? Ein Plädoyer
für eine unbeschwerte Kindheit.
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Die
Schulmappe landet im Eck, dann fliegt die Zimmertür zu und der
Schlüssel dreht sich im Schloss. „Danach habe ich erst einmal
eine Stunde nichts von Pascal gesehen, und das jeden Mittag“,
erinnert sich Andrea Jürgens. Heute weiß die Mutter aus Lübeck:
Ihr Sohn war überfordert von den Ansprüchen, die an ihn
gestellt wurden.
Vielen Kindern geht es genauso wie Pascal. Mehr
als 60 Prozent der Jugendlichen klagen über Erschöpfung und
Stress, so das Ergebnis einer Studie „Young is beautiful?“
der Gmündner Ersatzkasse (GEK). Tendenz steigend: Die körperlichen
Folgen von Überlastung nehmen bei Schülern immer mehr zu, fand
die Uni Bielfeld in repräsentativen Befragungen von siebten und
neunten Klassen in Nordrhein-Westfalen heraus. Waren es 1986
noch 4,9 Prozent der Schüler, die ihre Kopfschmerzen
mindestes einmal wöchentlich mit Tabletten bekämpften, so
stieg der Anteil bis 1996 auf 9,5 Prozent an.
Im gleichen Zeitraum nahm der Konsum von
Psychostimulanzien bei Schülern sogar von 0,2 auf 2,3 Prozent
zu. Bis zu 75 000 Kinder nahmen im Jahr 1999 das Medikament Ritalin
ein, rechnete die GEK hoch. Die Psychostimulanz soll gegen
Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten und Nervosität helfen.
Weshalb sich ihr Sohn überfordert fühlte, hatte
Andrea Jürgens nach einem Jahr auf der Grundschule
herausgefunden: Pascal leidet an einer Lernschwäche. Der
Unterricht war für ihn zu hektisch, der Stoff schlicht zu
viel. Zusätzlicher Sprachunterricht, Beschäftigungstherapien
und psychologische Behandlungen verschlimmerten den Druck auf
den inzwischen Zehnjährigen. Mittlerweile besucht er die Schule
in einem Förderzentrum, wo die Anforderungen den Fähigkeiten
der Schüler genau angepasst sind. „Er kommt im Unterricht gut
mit, weil die Lehrer mehr auf ihn eingehen“, freut sich seine
Mutter.
Gerlinde Felix/Christian Scholze
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Schlau,
brav, fleißig
Drill zum Musterkind
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In Japan
unterliegen Kinder einem besonders extremen
Anpassungsdruck. Nur dem, der zu den Besten seines
Jahrgangs gehört und sein Studium an einer Top-Universität
absolviert hat, steht ein erstrangiger Arbeitsplatz bei
den großen Konzernen zu. Mit diesem Hintergedanken
beginnen Eltern, ihre Sprösslinge bereits im
Windelalter zu drillen. Oft können Kinder mit einem
Jahr bereits lesen und sprechen im Alter von zwei Jahren
schon eine Fremdsprache.
„So extrem ist es in Deutschland noch nicht,
aber offenbar wird die Grenze vom Fördern zum Überfordern
häufig genug überschritten“, so Ulrich Knölker,
Leiter der Lübecker Uniklinik für Kinder- und
Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Die Erwartungen,
denen sich Kinder ausgesetzt fühlen, steigen jedenfalls
immer weiter an, fand die Uni Bielefeld in einer Studie
heraus. Demnach waren es 1986 noch 33 Prozent der Jungen
und 45 Prozent der Mädchen, die glaubten, im Leben mehr
erreichen zu sollen als ihre Eltern. Zehn Jahre später
dachten bereits 38 Prozent der Jungen und 52 Prozent der Mädchen
so.
Folgende Ursachen für Überforderung sind bekannt:
 | Leistungsdenken der Eltern
Manche Eltern verlangen von ihren Kindern in der
Schule und auf allen anderen Gebieten immer nur Höchstleistungen.
Sie stellen ihnen einen Terminkalender zusammen, der zwischen
Hausaufgaben, Sportverein und Musikunterricht kaum
mehr Zeit zum Spielen und Träumen lässt. „Auf
Grund des elterlichen Ehrgeizes kann es passieren,
dass ein Kind, das eigentlich in die Hauptschule gehen
sollte, auf dem Gymnasium landet“, berichtet Knölker.
„Dort kann es die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen
und erlebt nur Misserfolge.“
 | Angst zu versagen
Oft legen Eltern und Lehrer zu viel Wert auf perfektes
Arbeiten und prangern jeden kleinen Fehler an. Kinder
fliehen dann vor neuen Aufgaben aus Furcht, sie könnten
es ja doch nie ganz recht machen. Zehn Prozent der 13-
bis 15-Jährigen mussten 1996 eine Klasse wiederholen,
für fast 17 Prozent war die Versetzung gefährdet, so
die Studie der Uni Bielefeld. Mehr als ein Viertel der
Schüler in diesem Alter leidet unter der Angst zu
versagen.
 | Gesellschaftliche Normen
Die Gesellschaft erwartet das „liebe Kind“, das
brav ist und nicht widerspricht. Eltern sind stolz
darauf, wenn ihr Nachwuchs keine Aggressionen oder
Trotzreaktionen zeigt. Diese stauen sich dafür
aber auf und führen bei den Kindern zu Konflikten,
die unter der Oberfläche schwelen.
 | Ständige Eile
Sich immer beeilen zu müssen, keine Zeit zum Träumen
zu haben, ist für Kinder negativ. Sie erledigen
ihre Aufgaben zu schnell und folglich nur noch oberflächlich,
machen dabei Fehler und haben große Angst, etwas in
einer vorgeschriebenen Zeit nicht zu schaffen. Die
Konzentration schwindet, das Handeln erfolgt nur noch
gehemmt.
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Doch nicht nur die hohen Ansprüche und die Strenge ihrer
Umgebung kann Kinder überfordern, sondern auch das
Gegenteil: Wenn ihre Eltern sie übermäßig umsorgen oder
ihnen keine Grenzen setzen.
 | Übersteigerte Fürsorge
Kinder müssen sich in der Welt bewähren. Sind die
Eltern zu fürsorglich, so haben ihre Kinder zu wenige
Erfolgserlebnisse. Muss ein Kind keine Probleme lösen,
hat es auch keine Selbstbestätigung und lernt nicht,
mit Konflikten umzugehen.
„Die mangelnde Auseinandersetzung mit Gefahren führt
dazu, dass Kinder mit der Realität überfordert
sind“, so Knölker.
 | Keine Grenzen
Darf ein Kind alles, werden ihm also keine Grenzen
gesetzt, so ist dies genauso schädlich wie zu starke
Einschränkungen. Niemand sagt: „Hör auf damit, das
ist nicht gut für dich.“ Das ist für das Kind
eine Kränkung, weil es das Gefühl hat, nicht
wahrgenommen zu werden. |
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Besonders stark überfordert es Kinder, wenn sie mit
Problemen allein gelassen werden, Eltern ihnen kein
Verständnis entgegenbringen oder sie ständig Konflikte
in der Familie miterleben müssen.
 | Mangelndes Verständnis
Kinder haben Angst vor Spritzen, die ihnen der Arzt
gibt. Sie fürchten sich vor Geistern. Zeigen Eltern
dafür kein Verständnis und helfen nicht, die Ängste
zu überwinden, so überfordert das ihr Kind. Es wird
dann versuchen, seine Gefühle zu verstecken und zu
unterdrücken.
 | Familiäre Spannungen
Häufig werden Kinder zu früh in familiäre
Auseinandersetzungen hineingezogen und sollen gar
Partei ergreifen. Doch für sie sind die häuslichen
Konflikte unberechenbar. Kindern, die so aufwachsen,
fehlt die Sicherheit, die für eine gute
Entwicklung erforderlich ist. Sie lernen nicht,
eigene Bedürfnisse zu entwickeln und ihre eigenen Gefühle
wahrzunehmen und auszudrücken. |
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Die erste
Reaktion, wenn ein Kind überfordert ist: Es
verweigert jede Leistung. Doch dabei bleibt es nicht
lange, denn wenn die Seele auf Dauer im Ungleichgewicht
ist, so zeigt bald auch der Körper Reaktionen. Die
Angst zu versagen und der damit verbundene Stress können
letztendlich krank machen.
 | Depressionen
Depressive Kinder ziehen sich immer mehr aus ihrem
sozialen Umfeld zurück. Sie vergraben sich zu Hause
in ihrem Zimmer oder vor dem Fernseher. Oft essen
sie viele Süßigkeiten und nehmen dadurch schnell
zu. „Bereits bei Kleinkindern können depressive
Verstimmungen auftreten, die sich durch schnelles
Weinen, leichtes Gekränktsein und Spielunlust äußern
können“, sagt Psychotherapeut Ulrich Knölker.
Bei Schulkindern zeigen sich Depressionen
durch morgendliche Übelkeit, Bauch- und
Kopfschmerzen, eine gebeugte Körperhaltung und Rückenschmerzen.
 | Bettnässen (Enuresis)
War das Kind bereits trocken und fängt plötzlich
wieder an, einzunässen, steckt oft eine psychische
Belastung dahinter: Ein Geschwisterchen wurde
geboren, das Kind fühlt sich vernachlässigt oder
durch den Schulbeginn überfordert. Häufig tritt
dieses Symptom auf, wenn Eltern sich scheiden
lassen.
 | Schlafstörungen
Häufig treten bei Schulkindern Ein- und
Durchschlafstörungen auf, die durch eine seelische
Last hervorgerufen werden. Die Gründe können meist
durch ein Gespräch mit den Eltern gefunden werden.
Manchmal ist aber auch die Hilfe eines
Kinderpsychologen nötig, der mit einem so genannten
Schlaftagebuch ergründet, welche Probleme
vorliegen. Hin und wieder werden Schlafstörungen
aber auch nur dadurch ausgelöst, dass Eltern das
Schlafbedürfnis ihrer Kinder überschätzen und sie
abends zu früh ins Bett schicken.
 | Appetitlosigkeit
Wenn die Seele auf den Magen schlägt, macht Essen
keinen Spaß mehr. Oft mäkeln Kinder dann am Essen
herum, zeigen ein sehr wählerisches Essverhalten
und haben keinen Appetit.
 | Essstörungen
Ungefähr mit Beginn der Pubertät können dann die
Essstörungen Magersucht
(Anorexia nervosa) und Bulimie
auftreten, die ernste Warnsignale sind.
Magersüchtige finden sich, auch wenn sie spindeldürr
sind, zu dick und streben nach immer weiterer
Gewichtsreduktion. Dazu schlucken sie Appetitzügler
und Abführmittel. Sie sind ständig müde und
kraftlos. Wer an Bulimie erkrankt ist, hat hingegen
immer wieder Heißhungerattacken und erbricht
anschließend. Neben starken Gewichtsschwankungen
sind Verätzungen im Mund- und Rachenraum, Störungen
des Säure-Basen-Haushalts und Kreislaufbeschwerden
die Folgen.
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Tipps
und Ratschläge:
Stärken erkennen, Schwächen akzeptieren
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Die
westliche Mentalität hat großen Einfluss auf die
Erziehung: „Unsere Aufmerksamkeit richtet sich stärker
auf das Negative als auf das Positive. Fehlschläge
sind in unseren Augen eine Katastrophe“, beklagt
Autor Ard Nieuwenbroek in seinem Buch „Kinder vor Überforderung
schützen“. Eltern sollten deshalb die positiven
Eigenschaften ihres Kindes mehr beachten und ihm
gleichzeitig vermitteln, dass auch Misserfolge zum
Leben gehören. Wenn ein Kind unter Versagensangst
leidet, müssen die Eltern überlegen, inwieweit sie
ihm unbewusst eine bestimmte Erwartungshaltung aufgedrückt
haben.
 | Zuwendung geben
Stellen Sie fest, dass Ihr Kind überfordert ist,
so sollten Sie ihm zuhören und dann gemeinsam überlegen,
was geändert werden kann. Dafür ist viel
Zuwendung nötig. „Das bedeutet aber, dass man
sich mehr Zeit für die Kinder nehmen
sollte, als dies häufig der Fall ist“, so der Münchner
Pädagogik-Professor Herbert Tschamler.
 | Belastungen reduzieren
Bauen Sie Zeitdruck ab. Es darf nicht sein, dass
Ihr Kind von einem Termin zum nächsten hetzen
muss. Geben Sie ihm genügend Freiraum,
damit es sich spielerisch entwickeln kann.
 | Geduld haben
Haben Sie Geduld und warten Sie lieber, bis Ihr
Kind von selbst auf sie zukommt. „Es nützt
nichts, Kinder mit Aktivitäten zu
bombardieren“, weiß Andrea Jürgens aus
Erfahrung. Erst als ihr Sohn Pascal von sich aus
den Wunsch zum Fußballspielen äußerte, war er
mit Leib und Seele dabei.
 | Erfolgserlebnisse bieten
Gönnen Sie Ihrem Kind Erfolgserlebnisse. Loben
Sie es angemessen, das stärkt das
Selbstbewusstsein.
 | Problemlösung lehren
Vermitteln Sie Ihrem Kind, wie es Probleme lösen
kann. Denn oft wissen Kinder gar nicht, wie sie
mit einem Problem umgehen sollen. Bei den
Hausaufgaben hilft es oft schon, zu besprechen,
was in welcher Reihenfolge zu erledigen
ist.
 | Stärken und Schwächen herausfinden
Finden Sie Stärken und Schwächen Ihres Kindes
heraus und akzeptieren Sie sie. Dann wird
es auch nicht vorkommen, dass Sie etwas erzwingen
wollen. Regelmäßiger Kontakt zu den Lehrern
hilft, Schwächen des Kindes frühzeitig zu
erkennen.
 | Professionelle Hilfe nutzen
Haben Sie keine Scheu, die Hilfe eines Profis zu
nutzen. Ein beratendes Gespräch mit einem Kinderpsychologen
oder -psychiater kann sehr fruchtbar sein –
für Eltern und Kind.
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Das Buch ist im Kreuz Verlag, Stuttgart erschienen.
ISBN: 3268002471.
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