Fördern statt überfordern
Kinder unter Druck

- ein FOCUS-online-Artikel vom 27.10.2004

K I N D E R   U N T E R  D R U C K

Fördern statt überfordern
 
Hohe Anforderungen in der Schule, Freizeitstress und Konflikte in der Familie bringen Kinder an die Grenze ihrer Aufnahme- und Leistungsfähigkeit. Die Folgen: Kopfschmerzen, Depressionen und Appetitlosigkeit.
 
Stress Woran erkennen Eltern, dass der Druck auf den Nachwuchs zu groß wird? Wie können Kinder spielerisch gefördert werden? Ein Plädoyer für eine unbeschwerte Kindheit.
 
Schlau, brav, fleißig:
Drill zum Musterkind
Warnsignale:
Die Seele nagt am Körper
Tipps und Ratschläge:
Stärken erkennen, Schwächen akzeptieren
 
Die Schulmappe landet im Eck, dann fliegt die Zimmertür zu und der Schlüssel dreht sich im Schloss. „Danach habe ich erst einmal eine Stunde nichts von Pascal gesehen, und das jeden Mittag“, erinnert sich Andrea Jürgens. Heute weiß die Mutter aus Lübeck: Ihr Sohn war überfordert von den Ansprüchen, die an ihn gestellt wurden.
 
  Vielen Kindern geht es genauso wie Pascal. Mehr als 60 Prozent der Jugendlichen klagen über Erschöpfung und Stress, so das Ergebnis einer Studie „Young is beautiful?“ der Gmündner Ersatzkasse (GEK). Tendenz steigend: Die körperlichen Folgen von Überlastung nehmen bei Schülern immer mehr zu, fand die Uni Bielfeld in repräsentativen Befragungen von siebten und neunten Klassen in Nordrhein-Westfalen heraus. Waren es 1986 noch 4,9 Prozent der Schüler, die ihre Kopfschmerzen mindestes einmal wöchentlich mit Tabletten bekämpften, so stieg der Anteil bis 1996 auf 9,5 Prozent an.
 
  Im gleichen Zeitraum nahm der Konsum von Psychostimulanzien bei Schülern sogar von 0,2 auf 2,3 Prozent zu. Bis zu 75 000 Kinder nahmen im Jahr 1999 das Medikament Ritalin  ein, rechnete die GEK hoch. Die Psychostimulanz soll gegen Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten und Nervosität helfen.
 
  Weshalb sich ihr Sohn überfordert fühlte, hatte Andrea Jürgens nach einem Jahr auf der Grundschule herausgefunden: Pascal leidet an einer Lernschwäche. Der Unterricht war für ihn zu hektisch, der Stoff schlicht zu viel. Zusätzlicher Sprachunterricht, Beschäftigungstherapien und psychologische Behandlungen verschlimmerten den Druck auf den inzwischen Zehnjährigen. Mittlerweile besucht er die Schule in einem Förderzentrum, wo die Anforderungen den Fähigkeiten der Schüler genau angepasst sind. „Er kommt im Unterricht gut mit, weil die Lehrer mehr auf ihn eingehen“, freut sich seine Mutter.
 

Gerlinde Felix/Christian Scholze

 

Gesundheitsreform

Schlau, brav, fleißig
Drill zum Musterkind

 
In Japan unterliegen Kinder einem besonders extremen Anpassungsdruck. Nur dem, der zu den Besten seines Jahrgangs gehört und sein Studium an einer Top-Universität absolviert hat, steht ein erstrangiger Arbeitsplatz bei den großen Konzernen zu. Mit diesem Hintergedanken beginnen Eltern, ihre Sprösslinge bereits im Windelalter zu drillen. Oft können Kinder mit einem Jahr bereits lesen und sprechen im Alter von zwei Jahren schon eine Fremdsprache.
 
  „So extrem ist es in Deutschland noch nicht, aber offenbar wird die Grenze vom Fördern zum Überfordern häufig genug überschritten“, so Ulrich Knölker, Leiter der Lübecker Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Die Erwartungen, denen sich Kinder ausgesetzt fühlen, steigen jedenfalls immer weiter an, fand die Uni Bielefeld in einer Studie heraus. Demnach waren es 1986 noch 33 Prozent der Jungen und 45 Prozent der Mädchen, die glaubten, im Leben mehr erreichen zu sollen als ihre Eltern. Zehn Jahre später dachten bereits 38 Prozent der Jungen und 52 Prozent der Mädchen so.
 
Folgende Ursachen für Überforderung sind bekannt:
bulletLeistungsdenken der Eltern
Manche Eltern verlangen von ihren Kindern in der Schule und auf allen anderen Gebieten immer nur Höchstleistungen. Sie stellen ihnen einen Terminkalender zusammen, der zwischen Hausaufgaben, Sportverein und Musikunterricht kaum mehr Zeit zum Spielen und Träumen lässt. „Auf Grund des elterlichen Ehrgeizes kann es passieren, dass ein Kind, das eigentlich in die Hauptschule gehen sollte, auf dem Gymnasium landet“, berichtet Knölker. „Dort kann es die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen und erlebt nur Misserfolge.“
 
bulletAngst zu versagen
Oft legen Eltern und Lehrer zu viel Wert auf perfektes Arbeiten und prangern jeden kleinen Fehler an. Kinder fliehen dann vor neuen Aufgaben aus Furcht, sie könnten es ja doch nie ganz recht machen. Zehn Prozent der 13- bis 15-Jährigen mussten 1996 eine Klasse wiederholen, für fast 17 Prozent war die Versetzung gefährdet, so die Studie der Uni Bielefeld. Mehr als ein Viertel der Schüler in diesem Alter leidet unter der Angst zu versagen.
 
bulletGesellschaftliche Normen
Die Gesellschaft erwartet das „liebe Kind“, das brav ist und nicht widerspricht. Eltern sind stolz darauf, wenn ihr Nachwuchs keine Aggressionen oder Trotzreaktionen zeigt. Diese stauen sich dafür aber auf und führen bei den Kindern zu Konflikten, die unter der Oberfläche schwelen.
 
bulletStändige Eile
Sich immer beeilen zu müssen, keine Zeit zum Träumen zu haben, ist für Kinder negativ. Sie erledigen ihre Aufgaben zu schnell und folglich nur noch oberflächlich, machen dabei Fehler und haben große Angst, etwas in einer vorgeschriebenen Zeit nicht zu schaffen. Die Konzentration schwindet, das Handeln erfolgt nur noch gehemmt.
 
Doch nicht nur die hohen Ansprüche und die Strenge ihrer Umgebung kann Kinder überfordern, sondern auch das Gegenteil: Wenn ihre Eltern sie übermäßig umsorgen oder ihnen keine Grenzen setzen.
bulletÜbersteigerte Fürsorge
Kinder müssen sich in der Welt bewähren. Sind die Eltern zu fürsorglich, so haben ihre Kinder zu wenige Erfolgserlebnisse. Muss ein Kind keine Probleme lösen, hat es auch keine Selbstbestätigung und lernt nicht, mit Konflikten umzugehen. 
„Die mangelnde Auseinandersetzung mit Gefahren führt dazu, dass Kinder mit der Realität überfordert sind“, so Knölker.
 
bulletKeine Grenzen
Darf ein Kind alles, werden ihm also keine Grenzen gesetzt, so ist dies genauso schädlich wie zu starke Einschränkungen. Niemand sagt: „Hör auf damit, das ist nicht gut für dich.“ Das ist für das Kind eine Kränkung, weil es das Gefühl hat, nicht wahrgenommen zu werden.

Besonders stark überfordert es Kinder, wenn sie mit Problemen allein gelassen werden, Eltern ihnen kein Verständnis entgegenbringen oder sie ständig Konflikte in der Familie miterleben müssen.
bulletMangelndes Verständnis
Kinder haben Angst vor Spritzen, die ihnen der Arzt gibt. Sie fürchten sich vor Geistern. Zeigen Eltern dafür kein Verständnis und helfen nicht, die Ängste zu überwinden, so überfordert das ihr Kind. Es wird dann versuchen, seine Gefühle zu verstecken und zu unterdrücken.
 
bulletFamiliäre Spannungen
Häufig werden Kinder zu früh in familiäre Auseinandersetzungen hineingezogen und sollen gar Partei ergreifen. Doch für sie sind die häuslichen Konflikte unberechenbar. Kindern, die so aufwachsen, fehlt die Sicherheit, die für eine gute Entwicklung erforderlich ist. Sie lernen nicht, eigene Bedürfnisse zu entwickeln und ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken.

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Gesundheitsreform

Warnsignale:
Die Seele nagt am Körper

 
Die erste Reaktion, wenn ein Kind überfordert ist: Es verweigert jede Leistung. Doch dabei bleibt es nicht lange, denn wenn die Seele auf Dauer im Ungleichgewicht ist, so zeigt bald auch der Körper Reaktionen. Die Angst zu versagen und der damit verbundene Stress können letztendlich krank machen.
 
bulletDepressionen
Depressive Kinder ziehen sich immer mehr aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Sie vergraben sich zu Hause in ihrem Zimmer oder vor dem Fernseher. Oft essen sie viele Süßigkeiten und nehmen dadurch schnell zu. „Bereits bei Kleinkindern können depressive Verstimmungen auftreten, die sich durch schnelles Weinen, leichtes Gekränktsein und Spielunlust äußern können“, sagt Psychotherapeut Ulrich Knölker. Bei Schulkindern zeigen sich Depressionen durch morgendliche Übelkeit, Bauch- und Kopfschmerzen, eine gebeugte Körperhaltung und Rückenschmerzen.
 
bulletBettnässen (Enuresis)
War das Kind bereits trocken und fängt plötzlich wieder an, einzunässen, steckt oft eine psychische Belastung dahinter: Ein Geschwisterchen wurde geboren, das Kind fühlt sich vernachlässigt oder durch den Schulbeginn überfordert. Häufig tritt dieses Symptom auf, wenn Eltern sich scheiden lassen.
 
bulletSchlafstörungen
Häufig treten bei Schulkindern Ein- und Durchschlafstörungen auf, die durch eine seelische Last hervorgerufen werden. Die Gründe können meist durch ein Gespräch mit den Eltern gefunden werden. Manchmal ist aber auch die Hilfe eines Kinderpsychologen nötig, der mit einem so genannten Schlaftagebuch ergründet, welche Probleme vorliegen. Hin und wieder werden Schlafstörungen aber auch nur dadurch ausgelöst, dass Eltern das Schlafbedürfnis ihrer Kinder überschätzen und sie abends zu früh ins Bett schicken.
 
bulletAppetitlosigkeit
Wenn die Seele auf den Magen schlägt, macht Essen keinen Spaß mehr. Oft mäkeln Kinder dann am Essen herum, zeigen ein sehr wählerisches Essverhalten und haben keinen Appetit.
 
bulletEssstörungen
Ungefähr mit Beginn der Pubertät können dann die Essstörungen Magersucht (Anorexia nervosa) und Bulimie auftreten, die ernste Warnsignale sind. Magersüchtige finden sich, auch wenn sie spindeldürr sind, zu dick und streben nach immer weiterer Gewichtsreduktion. Dazu schlucken sie Appetitzügler und Abführmittel. Sie sind ständig müde und kraftlos. Wer an Bulimie erkrankt ist, hat hingegen immer wieder Heißhungerattacken und erbricht anschließend. Neben starken Gewichtsschwankungen sind Verätzungen im Mund- und Rachenraum, Störungen des Säure-Basen-Haushalts und Kreislaufbeschwerden die Folgen.
 

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Gesundheitsreform

Tipps und Ratschläge:
Stärken erkennen, Schwächen akzeptieren

 
Die westliche Mentalität hat großen Einfluss auf die Erziehung: „Unsere Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf das Negative als auf das Positive. Fehlschläge sind in unseren Augen eine Katastrophe“, beklagt Autor Ard Nieuwenbroek in seinem Buch „Kinder vor Überforderung schützen“. Eltern sollten deshalb die positiven Eigenschaften ihres Kindes mehr beachten und ihm gleichzeitig vermitteln, dass auch Misserfolge zum Leben gehören. Wenn ein Kind unter Versagensangst leidet, müssen die Eltern überlegen, inwieweit sie ihm unbewusst eine bestimmte Erwartungshaltung aufgedrückt haben.
 
bulletZuwendung geben
Stellen Sie fest, dass Ihr Kind überfordert ist, so sollten Sie ihm zuhören und dann gemeinsam überlegen, was geändert werden kann. Dafür ist viel Zuwendung nötig. „Das bedeutet aber, dass man sich mehr Zeit für die Kinder nehmen sollte, als dies häufig der Fall ist“, so der Münchner Pädagogik-Professor Herbert Tschamler.
 
bulletBelastungen reduzieren
Bauen Sie Zeitdruck ab. Es darf nicht sein, dass Ihr Kind von einem Termin zum nächsten hetzen muss. Geben Sie ihm genügend Freiraum, damit es sich spielerisch entwickeln kann.
 
bulletGeduld haben
Haben Sie Geduld und warten Sie lieber, bis Ihr Kind von selbst auf sie zukommt. „Es nützt nichts, Kinder mit Aktivitäten zu bombardieren“, weiß Andrea Jürgens aus Erfahrung. Erst als ihr Sohn Pascal von sich aus den Wunsch zum Fußballspielen äußerte, war er mit Leib und Seele dabei.
 
bulletErfolgserlebnisse bieten
Gönnen Sie Ihrem Kind Erfolgserlebnisse. Loben Sie es angemessen, das stärkt das Selbstbewusstsein.
 
bulletProblemlösung lehren
Vermitteln Sie Ihrem Kind, wie es Probleme lösen kann. Denn oft wissen Kinder gar nicht, wie sie mit einem Problem umgehen sollen. Bei den Hausaufgaben hilft es oft schon, zu besprechen, was in welcher Reihenfolge zu erledigen ist.
 
bulletStärken und Schwächen herausfinden
Finden Sie Stärken und Schwächen Ihres Kindes heraus und akzeptieren Sie sie. Dann wird es auch nicht vorkommen, dass Sie etwas erzwingen wollen. Regelmäßiger Kontakt zu den Lehrern hilft, Schwächen des Kindes frühzeitig zu erkennen.
 
bulletProfessionelle Hilfe nutzen
Haben Sie keine Scheu, die Hilfe eines Profis zu nutzen. Ein beratendes Gespräch mit einem Kinderpsychologen oder -psychiater kann sehr fruchtbar sein – für Eltern und Kind.
 
Das Buch ist im Kreuz Verlag, Stuttgart erschienen. ISBN: 3268002471. 

 

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